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Ein Gespräch mit Michael Quetting

Interview

Ein Gespräch mit Michael Quetting

Die Zivilgesellschaft muss wissen, wir lassen keinen Patienten sterben, wir ändern die Zustände, damit keiner sterben muss und das bekommen wir nur mit der Unterstützung der Zivilgesellschaft hin.

Michael, wie habt ihr es geschafft, in den saarländischen Betrieben mehr zu werden und wer ist dazu gekommen?

Das entwickelte sich nicht von heute auf morgen. Aber richtig ist auch: Erfolg muss man bewusst organisieren. 2009 legten wir den Grundstein dafür, dass es uns heute gelungen ist, in der Pflegeauseinandersetzung eine gewisse Meinungshoheit zu erlangen. Wir haben uns einen Schwerpunkt gesetzt und der hieß: Entlastung!

Von der Pflege-Tortour 2008, über Brückenaktion der 13 Krankenhäuser, sieben Ultimaten, Saarbrücker Aufschrei, Homburger Aufstand, Großdemonstration am 12. Oktober 2013 bis hin zur Aktion 162.000 Menschen für 162.000 fehlende Stellen in den Krankenhäusern haben wir viel unternommen, um das Thema Pflegenotstand in den Krankenhäusern zu thematisieren. Wir waren eigentlich ständig in Bewegung.

Im Oktober 2015 schlugen wir auf dem Völklinger Symposium „Krankenhäuser - wie krank ist das denn?“ vor, mit einem Tarifvertrag Entlastung für alle saarländischen Krankenhäuser die tarifliche Schiene in Angriff zu nehmen.  Im Februar 2016 verabschiedeten Vertreterinnen der saarländischen Krankenhäuser in Mettlach einen Neun-Stufen-Plan für einen Tarifvertrag Entlastung. Die Teamdelegierten und die „Offene Aktivistengruppe Krankenhäuser“ schätzten immer wieder die Lage ein und beschlossen die nächsten Schritte. Die Kolleginnen haben geplant und entschieden.

Mit erheblichen personeller Ressourcen gelang es uns, den gewerkschaftlichen Organisationsgrad seit der Darlegung unseres Vorhabens im Oktober 2015 um 26,1 % zu steigern. Wir können uns jetzt anstatt auf die geplanten 321 auf 555 Tarifberaterinnen und 1.430 Aktivistinnen stützen.

Eine Demonstration mit 4.500 Kolleginnen zeigte unsere Mobilisierungsfähigkeit. Die Streiktage und die Dudweilerer Teamdelegierten(Tarifberater)-Konferenzen zeugen von einer guten Durchdringung: In zehn Krankenhäuser sind auf mehr als der Hälfte der Stationen und Bereiche Tarifberaterinnen aktiv, in fünf Krankenhäuser sind es über 75 % der Bereiche. In acht Krankenhäusern liegt der Organisationsgrad über den magischen 25 %. Neue Betriebsgruppen bildeten sich neu.

Die Organisationsfrage systematisch zu stellen, gelang uns allerdings auch nur, weil uns Gesamt-ver.di großzügig unterstützte. So wurde es möglich gezielt und punktgenau bis zu 20 Organizer für eine bestimmte Phase einzusetzen. Sie haben möglich gemacht, mit dem Aufbau eines Tarifberaterinnensystems so sehr in die Tiefe zu gehen. Denn dazu mussten wir ja in Früh- Mittag und Nachtschicht auf den Stationen sein können. Deshalb gelang es auch neue Formen der Partizipation der Beschäftigten zu schaffen. Durch ein gestaffeltes und flexibles System des „Kleinen Koordinierungskreises“, des „Großen Koordinierungskreises“, der „Kommission Entlastung“, der „Delegiertentreffen und Tarifberaterinnentreffen“ und der „Hausverantwortlichen im UKS“ wurde ein effektives demokratisches System geschaffen, das eine ständige Einbeziehung der Basis gewährleistete. So konnten wir mit knapp 200 Delegierten schnell 4.000 Kolleginnen erreichen.

Frauen tragen die Kämpfe

Dabei fällt auf, dass die Kämpfe in den Krankenhäusern führend von Frauen getragen werden, was sich nicht automatisch aus dem Umstand erkärt, dass es sich in erster Linie um Frauenberufe handelt. Schauen wir uns zum Beispiel die Interessenvertretungen oder auch die Funktionsträger unserer Betriebsgruppen an, dann müssen wir dort eine Dominanz der Männer feststellen.

Unsere Kämpfe sind mit dem neoliberalen Umbau verbunden und reflektieren grundlegende Veränderungen der Geschlechterbeziehungen. Wir sind der Auffassung, dass wir aktuell an unseren Kämpfen, Ansätze einer emanzipatorischen gesellschaftlichen Entwicklung studieren können, deren Wirkungen sowohl ver.di als auch die Gesellschaft verändern wird.

Das entscheidende Subjekt in dieser Auseinandersetzung ist die Pflegekraft, welche spezielle organisatorischen Fähigkeiten und kollektive Fertigkeiten im Sozialraum Pflegeteam entwickelt hat  - also schon mitbringt. Die subjektiv geschaffenen ökonomischen Rahmenbedingungen durch das DRG-System machen objektiv die Pflegekräfte zu den Leidtragenden der neoliberalen Ausrichtung des Gesundheitswesens. Ihnen fällt gleichzeitig aber auch eine aktive Rolle bei der Bestimmung des Werts der Arbeitskraft aller Beschäftigten zu. Wir haben deshalb die Losung „Aufstehn für die Pflege“ mit entwickelt und stark eingesetzt. Dafür gab es auch Kritik, weil man meinen könnte, wir würden die anderen Berufsgruppen vernachlässigen. Dies ist nicht der Fall, aber wir betonen schon die besondere Rolle der Pflege - weil sie eine besondere Rolle hat. Und deshalb ist unser organisatorischer Zugewinn besonders bei den Pflegekräften unter 35 Jahre.

Wir haben durchaus alle Beschäftigte im Blick. ver.di fordert mehr Personal und Entlastung für alle Bereiche des Krankenhauses. Wir sind gegen Ausgliederung und prekäre Beschäftigung. Wir lassen uns nicht spalten und gegeneinander ausspielen. Weder die eine Berufsgruppe gegen die andere, noch das kommunale gegen das kirchliche Haus, nicht das Haus mit roten gegen das mit schwarzen Zahlen.

Wir konzentrieren uns auf die großen Betriebe, das sind in der Regel die Krankenhäuser. Die Beschäftigten dort üben objektiv eine herausragende Stellung in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung aus. Sie verfügen über die größere gewerkschaftliche Organisationskraft. Das gibt ihnen objektiv wie subjektiv eine Schlüsselrolle bei den sozialen Auseinandersetzungen.

Alle träumen von Ultimaten – ihr macht sie. Wie geht das?
Was brauchen die Kolleg*innen, um diesen Mut aufzubringen?

Nicht nur wir. Gerade kämpfen die Kolleginnen der Intermediate Care 1 Station (IMC1) am Universitätsklinikum Jena in einem Ultimatum um acht zusätzliche Vollzeit-Pflegekräfte.

Am Anfang steht diese Erkenntnis: Erfolge gelingen nur, wenn wir sie kollektiv vertreten. Wir müssen und können uns dann unserer Kraft klarwerden. Wenn wir nach Vorschrift arbeiten, dann bricht alles zusammen. Damit greifen wir das Thema Überlastung handlungsorientiert auf. Die Beschäftigten fordern die Geschäftsleitung ultimativ auf, einen Missstand abzuschaffen. Sie drohen kollektiv freiwillige Leistungen zu verweigern. Geil, was für eine Macht wir haben! Die gilt es nun zu bündeln. Die Kolleginnen müssen es wollen, ein Ultimatum geht nicht mit Stellvertreterpolitik. Aber, sie brauchen auch den Sekretär oder die Sekretärin, die Hilfe beim Formulieren des Ultimatums, die Hilfe bei der Erarbeitung des Eskalationsplanes, die Logistik und ab einen gewissen Moment auch dessen Telefonnummer, die 24 Stunden erreichbar ist. Die Organisation wird erfahrbar als konkreter Schutz. Sagen wir es ganz kurz: Die Kolleginnen müssen zusammenhalten, sie müssen wissen, was sie wollen und welche Arbeit sie nicht machen müssen und sie brauchen einen Gewerkschaftsangestellten an ihrer Seite. Der Mut kommt während des Kampfes.

Wir haben alle Ultimaten gemeinsam gewonnen!

Wir haben bis heute neun Ultimaten durchgeführt. Alle haben wir gewonnen. Niemals wurde der Stichtag überschritten. Aber niemals haben die typischen Aktivistinnen der Betriebsgruppe das gemacht. Meist waren es junge Kolleginnen, die sich um eine Aktivistin einer Station oder Teams bildeten. Immer war das Ziel für das Teamversprechen über 90 Prozent. Diese 90 oder mehr Prozent zu erreichen ist zentral, weil die Kolleginnen einander überzeugen. Dann kommt der Hauptamtliche und stabilisiert mit seinem breiten Rücken und die Sekretärin oder Sekretär muss nun geschickt kleinere Bewusstseinsschritt gehen, nur Geduld und Zeit. Ein Ultimatum sollte schon mindestens drei Monate laufen. Und jetzt brauchen wir noch eine kluge „Propagandaabteilung“, die das alles geschickt in Scene setzt. Wir brauchen die Meinungshoheit in der Öffentlichkeit. Dann hat der Arbeitgeber verloren. Denn objektiv vertreten die Kolleginnen und Kollegen ihre Interessen und gleichzeitig auch die der Bevölkerung.

In Zeiten von fehlenden Fachkräften reden alle davon, pflegeferne Aufgaben abzugeben um für Entlastung zu sorgen. Du nicht. Was passiert eigentlich, wenn Spezialisierung um sich greift – mit den Beschäftigten und den Patient*innen – aber auch mit Blick auf die Bedeutung von Reproduktion insgesamt?

Wollen wir zuerst einmal ein paar theoretische Überlegungen zur Stellung der Pflege im Krankenhausgefüge anstellen. Wobei das Thema viel umfassender ist, es geht ja um den Wert der Care-Arbeit ganz allgemein.

Wir wollen, dass der Mensch im Mittelpunkt jeder pflegerischen Handlung steht. Wir verstehen Die Pflege als Dienstleistung und professionelle Hilfe für den Menschen mit seinen sozialen, physischen, psychischen und biologischen Defiziten.

Pflege beschäftigt sich mit Hilfe bei Störungen der Aktivitäten des täglichen Lebens und ist am nächsten an den Patient*innen. Ursprünglich war Pflege bei den Kirchen angesiedelt, also bei der Kraft, die für die „Seele“, oder auch das allgemeine Wohlbefinden, zuständig zu sein glaubt. Diese Arbeitsteilung mit der Medizin hat ihre Notwendigkeit in der Komplexibiliät des menschlichen Individuums und in den umfassenden und speziellen Fragestellungen der Medizin.

Gleichzeitig entwickelte sich der Beruf in besonderer Abhängigkeit zum Ärztestand und gilt bis zum heutigen Tage besonders als ärztlicher Hilfsberuf. Es waren die Ärzte, die ursprünglich zwar einerseits Frauen als für den Ärztestand ungeeignet betrachteten, um andererseits ihnen eine bestimmte Emanzipation als ihre abhängigen Helferinnen zu gestatten. Es geht also auch um Geschlechterverhältnisse.

Eine wirkliche Professionalisierung wird nur erfolgen, indem die Arbeitsteilung sich wiederum als Negation der Arbeitsteilung weiterentwickelt, wobei wesentliche Elemente der Sozialen Arbeit, der Soziologie und der Psychologie mit einfließen müssen. Aufgabe ist eben nicht die Assistenz bei Therapie und Diagnostik. Wie kein anderer Beruf im Gesundheitswesen benötigt die Pflegekraft vielseitige Kenntnisse. Sie weiß zwar nicht alles, aber vieles und kann diese vielen Informationen vernetzen, kann „weiterleiten“ an weitere spezielle Hilfsdienste.

Es geht um den ganzen Menschen

Der Mensch ist eine physiologische Frühgeburt und ist für viele Jahre hinweg abhängig von der ständigen Zuneigung und Versorgung durch andere Personen. Pflege ist soziales Handeln und zugleich eine Beschäftigung mit den wichtigsten Lebensphasen von Persönlichkeitsentwicklung. Dabei gilt es, sich bewusst zu machen, dass der Mensch mehr ist als die Summe seiner Teile, er muss als biologische, psychologische und soziale Einheit begriffen werden. Daraus ist zu schließen, dass Pflegehandlungen als Ganzes ausgeführt werden müssen und eben nicht als Teilfunktionen.

Die Pflegekraft, die sich vorrangig als Anwältin der Kranken versteht, stößt schon recht früh an Grenzen. Es ist an vielen Stellen nicht möglich, adäquate Hilfe zu leisten. Die notwendige Konsequenz daraus liegt in einer Veränderung der Struktur im derzeitigen Gesundheitswesen mit der Maxime der Einmischung.

Es geht um die Abwertung der Pflegearbeit als Hilfsarbeit

Jetzt geschieht aber aktuelle genau das Gegenteil von dem was ich als Notwendigkeit oben beschrieben haben. Es erfolgt keine Änderung im Sinne einer Weiterentwicklung. Die Lösung des Problems wird in der (Rück-) Taylorisierung gesehen. Das Ganze erfolgt nun nicht mehr ärztezentriert, sondern BWLzentriert.

Im Rahmen der Delegation von Tätigkeiten nach „unten“, also zu den schlechter bezahlten Kräften, erfolgt eine tayloristische Arbeitszerlegung und eine Abkehr von der ganzheitlichen Pflege. Triebkraft dieser Entwicklung ist die Ökonomie und nicht die Qualität und schon gar nicht eine emanzipatorische Motivation.

Allerdings wird gerne seitens der Arbeitgeberpropaganda von einer sogenannten Entlastung des Pflegepersonals von „pflegefremden“ Tätigkeiten bzw. der Abgabe pflegerischer Aufgaben an Pflegeassistenz oder Servicepersonal gesprochen. Nicht wenige Kolleginnen stimmen dieser Argumentation zu. Dabei geht es um Aufgaben der sogenannten Grundpflege, Unterstützung bei den ATLs bis hin zu hauswirtschaftlichen und Freizeitaktivitäten (z.B. Demenzbetreuerin), um Entlastung von organisatorischen (z.B. Hol- und Bringedienst) und administrativen Aufgaben (Stationsassistentin). Das berufliche Selbstverständnis ist unmittelbar berührt. Es geht um die (tarifliche) Abwertung von Pflegearbeit als Hilfsarbeit.

Natürlich müssen wir auch erkennen, dass angesichts des Pflegenotstandes jede Entlastung seitens der Pflege als positiv wahrgenommen wird. Es sollte in der Diskussion bewertet werden, dass eine fachgerechte Anleitung und Überwachung von Hilfspersonal auch durchaus zeitraubender sein kann. Nicht ohne Grund wurden in der Akutversorgung in der Vergangenheit in hohem Umfang Stellen für Pflegehelferinnen abgebaut. Fachlich gesehen gibt es keinerlei Grund Tätigkeiten auf andere Berufsgruppen zu übertragen, Grund sind allein die Kosten. Und aber geht es um Menschlichkeit.

Der Puls schlägt schneller – diese Arbeit macht krank

Bleibt die Frage, was dies dann mit der Pflegekraft macht. In Folge der vermeintlichen Hilfe ändert sich ihr Berufsbild. Sie hat immer weniger mit dem Patienten zu tun und übernimmt eine Überwachungsfunktion ein. Damit einher geht eine enorme Arbeitsverdichtung, die krank macht. Es müssen immer mehr und immer schneller Informationen verarbeitet und Aufgaben bewältigt erden. Der Puls schlägt im wahrsten Sinne des Wortes schneller. Unsere körperlichen und psychischen Kapazitäten sind aber begrenzt. Dieses Missverhältnis empfinden wir als Stress, als Überforderung. Irgendwann wird dies chronisch, wir werden krank. Angst und Burnout sind die Folge, die mentale Erschöpfung verlangt ihr Tribut.

Gerade in dieser Situation müssen mehrere Arbeiten gleichzeitig ausgeführt werden, das Telefon klingelt und die Überwachung wird komplizierter und die Dokumentation bleibt letztlich als unerfüllbare Aufgabe, die zudem ständig von den Ökonomen kontrolliert wird. Es ist keine Zeit sich mal zu erholen. Wir gehen kaputt.

Lass mich ein Beispiel nennen. Als ich auf einer chirurgischen Station gearbeitet hatte, da mussten wir im Mittagsdienst immer die Röntgenbilder suchen, die man für den nächsten Tag benötigte. Immer waren welche weg. Also schickte man eine Auszubildende ins Haus, der kam nach 15 Minuten zurück ohne Ergebnis. Also machte ich mich als examinierte Kraft auf den Weg, nicht ohne zu stöhnen und zu klagen, weil ich ja viel zu viel koste für so eine unqualifizierte Arbeit. Ich zog durchs Haus und wusste wo ich schauen musste. Dabei sprach ich mit dieser und jenen, erfuhr den neusten Klatsch und erholte mich. Dieser Spaziergang war die reine Erholung. In dieser Zeit konnte und durfte mich legal dem Trubel entziehen. Das war sozial und hat viel zu einem angenehmen Arbeitsklima beigetragen.

Heute ist das Röntgenbild stets digital verfügbar. Weder der Auszubildende noch die Pflegekraft rennen jetzt durchs Haus und suchen das Bild. Was für ein Fortschritt für die Krankenhausleitung. Es erholt sich auch keiner und von Spaß an der Arbeit kann kaum gesprochen werden.

Wir müssen Zeiten, die wir mit „einfachen Arbeiten“ verbringen, auch als Erholung begreifen. So gesehen hat das lockere Gespräch mit der Patientin beim Betten nicht nur etwas mit Krankenbeobachtung und Sozialanamnese zu tun, solche Zeiten haben auch etwas mit Erholung aus dem Dauerstress des Stationstress zu tun. Das Essenanreichen durch den Profi kann nicht nur für die Patientin sinnvoll sein, weil die Pflegekraft das gelernt hat und in Krisensituationen zu reagieren weiß, es kann auch dazu dienen, dass sich der Blutdruck der Pflegekraft beruhig, weil für 15 Minuten nicht ans Telefon rennen muss. Wenn ich aber nur noch, während meiner gesamten Schicht - meist noch ohne Pause – Mister 1.000 Volt bin, dann bin ich bald durchgebrannt.

Ist die Auseinandersetzung in den Krankenhäusern zentral mit Blick auf eine menschliche Gesellschaft oder geht es hier mehr darum, auch mal mitspielen zu dürfen im Kreis der „echten Arbeiten“. In der Pflege stehen ja keine Räder still.

Im Kampf für mehr Pflegepersonal vermischen sich die besonderen Interessen der Pflegekräfte mit den politischen Interessen der gesamten abhängig Beschäftigten. Ihre Tätigkeit im öffentlichen Interesse verleiht den Pflegenden eine enorme politische Kampfkraft. Dazu kommt, dass das öffentliche Interesse an Gesundheit und Pflege bei einer übergroßen Mehrheit zur Ablehnung neoliberale Lösungsansätze zumindest auf diesem gesellschaftspolitischen Gebiet führt.

Der Kampf für Entlastung und mehr Personal ist nicht nur ein Kampf um die eigene Gesundheit und die gesundheitliche Versorgung der Patienten, sondern auch eine Frage des Bereiches der Reproduktion der Arbeitskraft für alle abhängig Beschäftigten, es geht folglich um den Wert der Arbeitskraft für alle arbeitenden Menschen.

Verbindliche Vorgaben für mehr Personal ist eine politische Aufgabe, die einen Paradigmenwechsel und Systembruch verlangt. Eine Veränderung Bekämpfung des Pflegenotstandes bedingt einen Bruch der herrschenden Logik im Gesundheitswesen. Eine Veränderung bedarf ein Eingreifen in das gesellschaftliche Funktionsgefüge. Mit anderen Worten: Unsere Vorstellungen sind nur durchsetzbar, indem ökonomischen gesellschaftlichen Prozesse kritisiert werden.

Diese Erkenntnis wird sich um so mehr durchsetzen, um so mehr es uns gelingt, die Kolleginnen und Kollegen zu überzeugen, für eine Personalbemessung zu kämpfen, um so mehr sie Einsichten in die ökonomischen Zusammenhänge erkennen und dabei konkreten Machtverhältnisse im Krankenhaus in Frage stellen. Mit der Frage nach Entlastung stellen wir die Frage nach dem Inhalt der Arbeit, stellen die Frage, wem gehört und wem dient das Ganze, wir erkennen, dass unsere ethischen Ansprüche mit den herrschenden Zuständen nicht in Übereinstimmung zu bringen sind.

Jetzt will ich es auch nicht übertreiben. Aber, ich denke, dass wir mit diesem Problemfeld sehr wohl ein sehr brüchiges Kettenglied des Neoliberalismus erkannt haben. Dieses Kettenglied kann real aufgebrochen werden. Deswegen hat unser Kampf eine strategische Bedeutung für die Gewerkschaften und alle anti-neoliberalen Kräfte. Ob das dann dazu reicht, dass auch die Kette in Bewegung kommt und die Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden können, mag ich natürlich nicht vorhersagen. Aber, es gibt eine Chance Und darauf sollten wir setzen. Wir stellen letztlich die Kernfrage: Steht der Mensch im Mittelpunkt oder der Profit?

Wenn wir da d'accord gehen, dann stellen sich die taktischen Fragen nach dem wie. Welche Bedeutung haben in einer Solchen Auseinandersetzung die großen Krankenhäuser der Maximalversorgung und im besonderen Maße die Unikliniken? Da unsere Kräfte endlich sind, müssen sie so koordiniert eingesetzt werden, dass ein Maximum an Wirkung erzielt wird. Erfolg ist keine Folge von Zufälligkeiten, sondern von kluger Organisation.

Was den Arbeitskampf selbst anbelangt, ist der nicht leicht durchzuführen, weil wir ja mit Menschen arbeiten, die ein Recht auf Versorgung haben und wir würden uns der unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen, wenn uns das alles einfach egal wäre. Wir sind in diesem Beruf ja angekommen, weil es uns gerade nicht egal ist. Dies verlangt von uns eine sehr hohe Disziplin in Arbeitskämpfen und auch das Ausprobieren von neuen Formen, wie z. B. das systematische Schließen ganzer Stationen. Wir müssen uns dabei aber auch klar sein, dass die Arbeitgeber mit allen Mitteln versuchen, sich zu wehren und dabei auch nicht davor zurückschrecken Gerichte zu benutzen und übelste Hetze in der Öffentlichkeit zu begehen. Das erlebten wir in einer nicht gekannten Art und Weise ob in Berlin, in Baden-Württemberg, in Bayern, bei uns an der Saar und bei Euch in Düsseldorf. Dieser massive Angriff auf gewerkschaftliche Grundrechte ist noch lange nicht vorbei. Scheitern die Versuche uns zu umgarnen, dann versuchen sie uns niederzuknüppeln.

Darauf müssen wir eingestellt sein und brauchen deshalb einen sicheren Schutz durch die Öffentlichkeit. Die Zivilgesellschaft muss wissen, wir lassen keinen Patienten sterben, wir ändern die Zustände, damit keiner sterben muss und das bekommen wir nur mit der Unterstützung der Zivilgesellschaft hin.

(Michael Quetting ist Gewerkschaftssekretär im Fachbereich Gesundheit und Soziales der Gewerkschaft ver.di im Saarland und examinierter Krankenpfleger. Die Fragen stellte Katharina Schwabedissen, Gewerkschaftssekretärin im gleichen Fachbereich in NRW, examinierte Krankenschwerster)